Faszination Rollenspiel

Kolumne vom 22.08.2012, 05:09

Vor mehreren hundert Jahren hatte die Menschheit das Privileg, fast tägliche neue Abenteuer zu erleben. Dass diese "Abenteuer" allzu erfreulich waren, wage ich allerdings zu bezweifeln. Es mussten Burgen verteidigt werden, Länder erobert und Burgfräulein gerettet werden.

Sogar der faule Mensch von 2012 hat noch die Möglichkeit dazu! Irgendwer dachte sich einmal, dass die Menschheit im Laufe der Geschichte noch nicht oft genug die Schwerter gekreuzt hat und so erfand er das Rollenspiel. Das wurde natürlich mit der Zeit ein Erfolg, denn endlich konnte auch der kleine Mann in einem riesigen Reich Abenteuer von epischen Ausmaßen erleben.

Zum Glück werden auch Nintendo-Konsolen noch manchmal mit Rollenspielen beehrt, sodass wir es nicht verlernen, Drachen zu erschlagen und Rüstungen zu schmieden.

Doch kam mir neulich beim gepflegten Suchtfrönen eines dieser Zeitfresser, der Gedanke, was denn nun eigentlich die Faszination davon aus macht. Nüchtern betrachtet, steckt nämlich leider nicht viel dahinter:

Man rennt anfangs als schmächtiger Hans durch Welten, bei deren Anblick und Größe man sich fragt, ob man das a) jemals alles erkunden wird und b) ob sich das Ganze denn überhaupt auszahlt. So ein Rollenspiel schafft es ja schließlich, gleich mal 5 Stunden zu fressen, ohne dass man es merkt, oder das es großartig weitergegangen wäre.

Irgendwie wird der schmächtige Hans immerhin zu jemand, der so halbwegs wirkt, als ob er sich nicht selbst mit einem Schwert aufspießen würde. Bis dahin hat man ungefähr 15 Stunden Lebenszeit verbraten und eventuelle Mitbewohner oder Familienmitglieder fangen einen Geruch an einem selbst zu bemerken an, der dem des Rollenspielhelden sicher recht ähnlich ist...

In dieser Zeit sollte das Spielprinzip recht gut in Fleisch und Blut übergegangen sein. Bemerkbar wird, dass man sich sozusagen in einen Bot verwandelt hat. Man ackert Stunden über Stunden schematisch Quests und Dungeons herunter, ohne dass sich an den Anforderungen wirklich etwas ändert: man spielt eigentlich immer wieder dieselbe Aufgabe. Die eine ist erledigt, beginnt man die nächste - und man hat sogar noch Spaß dabei!

Da man nun aber schon fest mit seinem Platz verwachsen ist und daher nicht wegkommt, wird das Rollenspiel weiter gespielt. Der Level Oh-mein-Gott-ist-das-Hoch-Hans ist inzwischen schon ein richtiger Haudegen geworden und man fragt sich, ob man nicht doch vielleicht auch so ausschauen könnte, wenn man sich zur Abwechslung mal selbst trainiert hätte, anstatt dem Krieger, der dafür noch nichtmal dankbar aus den Glubschern schaut.

Das alles mag sich jetzt so anhören, als ob an dieser Faszination Rollenspiel sozusagen überhaupt nichts Wünschenswertes wäre. Doch dem kann man zum Glück wirklich nicht zustimmen. Wo sonst könnte man wahrhaft epische Landschaften erkunden? Wo sonst kann man mit den Schicksalen der Charaktere dermaßen mitfiebern? Wo würden die armen Mathefreaks ihren Drang ausleben können? Und wo würde die ganze Fantasie bleiben?

Dieses Phänomen trifft allerdings nicht nur auf Rollenspiele zu. So ist ein Jump & Run ja eigentlich auch nicht viel mehr, als von links nach rechts zu laufen und dabei gelegentlich die Motivation aufzubringen, auf die Sprung-Taste zu hämmern. Ein Weltraumshooter ist nicht viel mehr als bunten Dingern auszuweichen und seinerseits bunte Dinger auf oftmals bunte Wesen zu schießen. Könnte einem leicht zu bunt werden...

Doch irgendwas hält einem immer bei diesen Spielen. Doch was es ist... das würde ich gerne wissen.

ReynTime, 3.585 Zeichen •

Kommentare

[Es wurde noch kein Kommentar verfasst]
Du musst eingeloggt sein, um kommentieren zu können!
Eyes on Nintendo© 2002-2017, Eyes on Nintendo
Seit 22.12.2002, 23:00 Uhr
"Eyes on Nintendo" unterstützt den Einsatz von browserseitigen Cookies, unter anderem auch zum Ändern des Designs. Nähere Infos dazu findest Du hier.