Ist Umweltbewusstsein unromantischer als eine schöne Verpackung?

Kolumne vom 26.07.2012, 06:13

STANDARD-ARGUMENTE
Der Release der beiden neuen Titel der Reihen "New Super Mario Bros." und "Dr. Kawashima" soll sowohl einmal Download und einmal als üblicher Retail-Release zu bekommen sein, also als Modul mit Verpackung und soweiter. Und da kamen mir gerade eben viele, viele Gedanken zu dem Thema, ob ich und warum den Download oder das echte Modul kaufen sollte...

Bei Discs und Modulen habe ich was zum Anfassen, eine hübsche Verpackung und ich kann es später sehr bequem weiterverkaufen. Andererseits sind Discs und Module oft etwas teurer als die reinen Downloads.

Bei den Downloads ist deshalb vorallem der Preis das große Pro-Argument. Es braucht auch keinen Platz im Regal oder Schrank und zum Kaufen muss man nicht extra das Haus verlassen. Aber dafür sind sie fast immer auf das Zielgerät beschränkt und können nicht verliehen oder weiterverkauft werden.

EINKAUFS-ROMANTIK ODER LADEBALKEN ANSTARREN?
Das sind soweit die Standard-Argumente, die jedes Mal fallen, wenn die Diskussion um "Download oder Retail: Pro und Contra" losgeht. Aber ich finde, es geht noch viel tiefer. So erinnere ich mich daran, dass - gerade in meiner Jugend - beim Kaufen im Laden dazu kam, wie sehr es mich aufstachelte, im Auto, in der Straßenbahn oder dem Bus zu sitzen und während der ca. 30 Minuten dauernden Heimfahrt die Anleitung zu lesen, die Packung zu bestaunen. Alles wieder zusammenzupacken und zurück in die Tüte damit. Dann doch wieder auspacken und nochmal alles angucken... Das gehört einfach dazu.

Man freut sich darauf, kann es kaum erwarten, und allein schon in der Anleitung zu lesen, was die Figur im Spiel alles kann, oder die darin enthaltenen Screenshots anzugaffen, sind Dinge, ich heute vermisse. Ebenso gehört dazu, dass man zuhause dann endlich ankam und Schuhe, Jacke und soweiter gar nicht wirklich auszog, sondern nur ungeduldig runterstreifte, um endlich die Konsole anzuschalten. Da verschmerzte ich gern, wenn mir ein Spiel nicht sofort gefiel (manchmal kaufte man ja auch nur, weil man die Verpackung so schön fand oder weil der Lieblings-Comicheld darin vorkam), denn es hatte Geld gekostet, davon hatte ich damals nicht so viel, und darum kam es nicht jeden Tag vor, dass ich ein Spiel kaufte - also befasste ich mich damit. Und oft hatten diese Spiele nach einigen Stunden doch etwas für sich, sodass man den Kauf zumindest nicht bereute und das neue Produkt einigermaßen zufrieden mit sich und der Welt gespielt wurde.

Alles das geht aber bei den Downloads unter, finde ich. Man lädt es runter und spielt. Keine Vorfreude, kein Laufen zum Regal, in der Hoffnung, dass das Spiel jetzt bloß nicht vergriffen ist, kein Begaffen der Packung während der Rückfahrt... Man lädt, wartet ein paar Minuten und da ist das Spiel auch schon. Natürlich, man könnte sich auch während des Downloads freuen, dass es bald losgeht, aber wer will dabei schon einen Ladebalken anstarren?

Ich gebe zu, dass das alles eher romantische Aspekte sind - doch sollte man die unter den Teppich kehren? Ich finde nicht; sogar absolut nicht. In der heutigen Zeit wird vieles einfach nur nebenher wegkonsumiert. Ich kenne es noch, dass man z.B. nicht einfach nur einen bestimmten Song runterlädt, und wenn er gerade hip ist. Ich las Interviews in Magazinen, fand heraus, dass bald das neue Album kommt, las Studioreportagen, studierte die Meinungen der Redakteure zu ihren Ersteindrücken, dann freute ich mich jeden Tag mehr darauf, das Album bald kaufen zu können. Ich bedachte sogar, was die Künstler zu sagen hatten - heute sind das ja immer dieselben Antworten - noch dazu nur Marketingblabla.

WAS MACHEN DIE FIRMEN DAHINTER?
Jaja, ich bin ein alter Sack, romantisiere die Vergangenheit und ich sollte im Hier und Jetzt leben, stimmt's!? Ja, ein wenig trifft davon sicher zu. Aber ich will ja darauf hinaus, ob Downloads oder das greifbare Medium besser ist.

Denn viele bedenken oft nicht, dass auch Downloads ihre Vorteile haben. So sind sie in der Regel tatsächlich oft günstiger. Man kann sie zumeist bequem anklicken und direkt runterladen. Und es schont die Umwelt, weil Papier für Anleitungen und Booklets gespart wird - und Plastik für die Verpackung sowieso. Die ganze Logistik fällt weg und auch die Fabriken, die alles herstellen, verbrauchen weniger Energie, weil ja die Herstellung entfällt. Sind das keine nennenswerten Fakten? Sind das keine unterstützenswerten Ziele?

Ich finde ja, definitiv. Aber was machen die Firmen dahinter? Sie verkaufen das Produkt dahinter nicht nennenswert günstiger als das greifbare Medium, sondern eben einfach nur günstiger. OK, ja, die Server, die ständig online sind, damit man downloaden kann, kosten Geld und verursachen auch eine gewisse Belastung für die Umwelt. Aber mehrere PCs Tag und Nacht laufen zu lassen, ist garantiert billiger, als Treibstoff für den Transport in die Läden zu zahlen, Rohstoffe für die Herstellung zu zahlen, die Verarbeitung einzuleiten, die dafür nötigen Angestellten/Mitarbeiter zu bezahlen, sich mit dem Einzelhandel rumschlagen zu müssen... Ferner lässt sich die Energie für die Serverbetreibung weitestgehend "grün" herstellen.

Außerdem kann man einen Download unendlich oft herunterladen - das greifbare Medium kann immer nur einmal gekauft werden. Was kostet es eine Firma und belastet die Umwelt wohl mehr? Einen Server laufen zu lassen, auf dem z.B. 100 Spiele als ISO-Files lagern, die man millardenfach herunterladen lassen kann, oder 100 Spiele millardenfach produzieren und in den Geschäften - überall auf der Welt! - anliefern zu lassen? Und dazu kommt noch, dass das Risiko entfällt, auf vielen tausend Einheiten sitzen zu bleiben, weil sie nicht verkauft wurden - und somit wurde umsonst produziert und somit umsonst die Umwelt belastet.

MIT DEM CHIP WÄRE ALLES WEG
Und ist es nicht genauso romantisierend, auf das greifbare Medium zu pochen, weil man gern das Cover im Regal stehen hat? Weil man gern das Medium anfassen möchte oder die Anleitung aus Papier lesen können will? Wie oft nehmen wir denn das besagte Cover wirklich in die Hand? Doch nur ersten 2-3 Tage. Und sogar das Modul oder die Disc lassen wir meistens solange in der Konsole, bis das Spiel durchgespielt ist - nur die wenigsten Gamer/innen nehmen es immer wieder raus und stecken es immer wieder ein. Braucht man dafür WIRKLICH ein tolles Cover oder ein greifbares Medium?

Ich finde, dass das Argument, welches hier am ehesten greift, ist das Gefühl, etwas zu besitzen, etwas eigenes zu haben. Wer will schon all seinen Besitz auf einem kleinen Chip gespeichert haben? Was geschieht, wenn eines Tages der Server offline geht und ich das von mir bezahlte Gut nicht mehr herunterladen kann? Was ist, wenn ich das Spiel weiterverkaufen will? Und was ist, wenn der Speicher-Chip verloren geht oder defekt wird? Oder ich ein neues Gerät kaufe, weil das alte kaputt geht? Was ist dann mit den Spielen? Wenn mir ein Spiel aus meinem Regal abhanden kommt oder kaputt geht, fehlt mir wenigstens nur dieses eine Spiel - aber mit dem Chip wäre alles weg.

EXTRA-GELD IN DEN HINTERN
Somit fände ich einen akzeptablen Kompromiss, wenn die Download-Anbieter, wenn wir schon auf die "Romantik" verzichten, uns die Chance geben, die Downloads mit einem gewissen Mehrwert anzubieten - wenn wir schon aus Umweltschutz- oder Geldersparnis-Gründen etwas herunterladen. So könnte man es doch z.B. ermöglichen, "Download A" vom eigenen Gerät auf ein anderes Gerät zu transferieren, wenn man es weiterverkaufen möchte (z.B. mit einem speziellen Aktivierungscode über das Internet, oder sowas). Dazu gehört aber auch, dass das angebotene Download-Gut vorallem auch nennenswert günstiger ist als die Retail-Version.

Ich pumpe den Firmen nicht Extra-Geld in den Hintern, nur, weil sie dasselbe Produkt zu viel geringeren Kosten und mit viel weniger Aufwand günstiger "anbieten", aber weiterhin zu einem sehr ähnlichen Preis verkaufen. Ja klar, das eigentliche Produkt kostet auch Geld. Die Künstler/Entwickler sollen natürlich nicht leer ausgehen und ihr Geld bekommen - und es soll auch nicht weniger sein als vorher. Aber warum soll ich mehr oder weniger denselben Preis für etwas bezahlen, was mir jetzt nur viel günstiger als zuvor angeboten wird?

NOCH VIELE WEITERE GRÜNDE...
Ich breche das mal an dieser Stelle ab, denn ich finde, das Thema rund um Downloads und echte Medien geht noch viel, viel weiter. Es gibt soviele Gründe für Downloads, gegen Downloads, für greifbare Medien und gegen greifbare Medien, die kann ich in einer Kolumne gar nicht ausfürhlich diskutieren.

Aber ich wollte einige nennen und Beispiele bringen - und jetzt noch weitere aufzählen, wie etwa: Downloads kosten Arbeitsplätze (für die Herstellung, den Vertrieb, der Verkauf im Laden, etc. wird nämlich so viel weniger zu bezahlendes Personal benötigt), durch die Downloads kann sehr leicht verfolgt werden, wer wann was kaufte - und durch die Verknüpfung mit Social-Network-Accounts geht die ganze "Verfolgung der Daten" sogar NOCH weiter. Daten meines Download-Accounts können gehackt werden - was ist, wenn jemand meinen Account nimmt sich für hunderte Euros Games lädt? Durch die Herstellung von Verpackungen, Discs und Modulen, wird die Umwelt geschädigt (weil vorallem Plastik viele hundert Jahre braucht, bis es verrottet und weil die Schornsteinschlote der Farbriken viel Mist in die Luft/Atmosphäre ablassen)...

Und es gibt noch viele weitere Gründe dafür oder dagegen...

Ich will niemandem vorschreiben, was der richtige und was der falsche Weg für alle ist - und was er oder sie zu bevorzugen hat. Aber geht diese Diskussion nicht noch weiter, als nur darauf zu pochen, dass man eine schöne Verpackung im Regal stehen haben will, oder dass man bevorzugt, dass der Download schön einfach und bequem ist? Das echte Medium, wie auch der Download, hat Vor- und Nachteile; relevante, unwichtige, romantische, gesellschaftliche, persönliche... Aber wir sollten uns mehr Gedanken darum machen, warum WIR WIRKLICH Spiele, Bücher, Musik, Filme und dergleichen runterladen oder in der Einkaufstasche nach hause tragen wollen - oder es sollten oder nicht sollten.

Unsere Entscheidung, etwas "virtuell" oder "real" gekauft zu haben, ist in vielen Punkten entscheidend - nicht nur in Hinsicht darauf, ob da eine schicke Verpackung im Regal steht oder nicht. Und diese Punkte sind gerade heute, im Zeitalter des Internets, des Onlinebankings, des Social Networks von größerer Wichtigkeit, die wir nicht nur von einem oder zwei Aspekten abhängig machen sollten. Wie wir uns heute als Kunden verhalten, ist für die Zukunft entscheidend. Vielleicht gibt es bald keine Cover mehr? Vielleicht schaltet man bald die Download-Server ab?

Ich würde mich freuen, wenn an dieser Stelle ein Dialog stattfände, der diskutiert, warum kulturelle Güter so oder so gekauft (und konsumiert) werden sollten, oder was der dafür goldene Weg wäre, falls es einen gibt.

...und das, ohne einfach immer nur "Ich will ein schönes Cover im Regal haben" runterzubeten - mal sehen, ob das möglich ist! :)

TheUnknown *, 11.155 Zeichen •

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