App-Games sind seelenlose Binärcodeversuche!

Kolumne vom 09.12.2011, 22:05

NUR LEO UND KATE
Wenn jemand einen Film guckt, will er/sie gut unterhalten werden. Mit Spannung, Romantik, Action, Philosophie oder was auch immer. Stellt Euch vor, "Terminator 2" würde ca. 10 Minuten dauern und irgendeine Handlung gäbe es gar nicht. Der Terminator ist einfach nur da und ballert aus purer Langeweile alles weg - und so gelangweilt guckt er dann auch die ganze Zeit. Stellt Euch vor, "Titanic" würde 20 Stunden dauern, niemals gäbe es einen Eisberg, niemals sänke das Schiff, alles wäre traumhaft, keinen Streit, keinen Stress, keine Eitelkeiten, keine Probleme. Nur Leo und Kate händchenhaltend bei Sonne auf dem Promenadendeck. Stellt Euch vor, Jack Bauer würde in 24 keine Terroristen jagen, sondern den ganzen Tag nur Fastfood mampfen, sich am Sack kratzen und ab und zu neue Pizza per Telefon bestellen... Stellt Euch vor, beim Spiel Bayern gegen Dortmund würden die immer selben beiden Spieler 90 Mintuen lang sich nur müde die Bälle hin- und herpassen, während die anderen in der Nase popeln.

Wir gucken diese Dinge doch, weil sie uns mitreißen, weil wir wissen wollen, wie es ausgeht, weil wir hoffen, dass es so ausgeht, wie wir es uns wünschen, weil wir gegruselt, überrascht oder emotional berührt werden wollen... So ungefähr empfinde ich diese allermeisten Apps für Smartphones und Social Networks: leblos, zwar bis zu einem gewissen Grad unterhaltsam, aber in den allermeisten Fällen leblos - und lieblos. Dafür müssen nicht Ressourcen für die Zeldas, Tomb Raiders und Diablos abgezogen werden, es gibt schon genug von diesem Zeug.

Was soll also dieser Trend, dass Vorstände, Aktienhalter und dergleichen dazu drängen, doch unbedingt auf dem Smartphone- und Social-Network-Markt präsent zu sein?

RESTAURANT-MANAGER-SPIELE
Ich, der, wenn er spielt, zu 95% nur an Konsolen und Handhelds spielt, und zu vielleicht 5% am PC (aber Retailgames wie z.B. WarCraft III), sehe es immer wieder um mich herum; auch in meiner Famile. Alle spielen die diese kleinen Apps auf ihren Smartphones oder auch in Social-Network-Plattformen. Man beackert eine Farm, leitet ein Restaurant, spielt Tetris und Tetris-Klone, Sudoku, Canasta, Monopoly und all diesen Kram. Ja, das ist hin und wieder für 20 Minuten ganz unterhaltsam. Und nichts gegen Restaurant-Manager-Spiele, Tetris & Co per se, aber die Umsetzungen für Mobiltelefone und Internetbrowser sind zum größten Teil sehr schnell öde und bieten kaum Abwechslung, geschweigedenn eine Herausforderung.

...aber wenn ich beispielsweise 2 Stunden Zelda gespielt habe, dann weiss ich, ich bin ein Schritt weitergekommen, ich habe ein neues Item gesammelt, das Master-Schwert bekommen, einen neuen Dungeon absolviert, oder sowas. Ich habe ein Ziel vor Augen, dem ich mich ein weiteres Stückchen genähert habe.

Bei diesen ganzen Smartphone-und Social-Network-Apps schlage ich im Grunde nur Zeit tot. Ich spiele einige Stunden das Farmspiel und dann langweilt es mich zu Tode. Heute ist es das Farmspiel, morgen das Restaurantspiel, übermorgen das Hotelspiel... Ich sehe es überall. Dauernd unterhalten sich irgendwelche Leute um mich herum, ob sie auf F__ebook schon dieses und jenes gespielt haben - Nein? - Ja, dann wird sofort eine Einladung über den Account verschickt. Dann wird das 3-4 Tage gespielt, und dann gibt's die nächste Einladung zu einem anderen Spiel.

Zugegeben, auch ich spiele Spiele wie Mario Party oder Monopoly. Gerne sogar. Alles Spiele, bei denen es kein Game Over im klassischen Sinne gibt. Aber es gibt ein Spielziel: Nach X Runden am meisten Sterne/Geld/Punkte gesammelt haben. Natürlich will ich niemandem vorschreiben, welche Spiele er/sie gutzufinden hat, aber würde ich nur noch diesen App-Games-Kram spielen, würde mir doch was fehlen. Da wird nur einfach nur vorsichgeplänkelt, alles ist hübsch einfach, nichts ist kompliziert...

SEELENLOSE BINÄRCODEVERSUCHE
Es wäre auf Dauer langweilig, es würde kein Spaß mehr machen, es wäre kein Hobby mehr, sondern nur noch pure Zeittotschlagerei. Und diese Spiele sind allesamt beliebig, alles schon 10000x da gewesen. Jajaja, ich weiss, auch die Resident Evils, Super Marios, Zeldas, Final Fantasys, Diablos, StarCrafts, Tomb Raiders, Call of Dutys und so weiter sind ebenfalls immer gleich - lediglich ein paar Grafikupdates da, ein neues Item hier, eine neue Fähigkeit dort. Aber das meine ich nicht.

Ich meine die Dinge, die nicht so offensichtlich sind und für die sich bei der Entwicklung viel Mühe gegeben wird: Motivation, Begeisterung, Spannung, Interesse, wie es weitergeht - und sogar die Vorfreude auf den Nachfolger. Alles Dinge, die für einen längeren Zeitraum ausgerichtet sind. Man arbeitet sich vor, wird besser, bereitet sich auf den Showdown vor, man weiss, wofür man das alles tut. Auch bei Mario Party und ähnlichen Titeln ist es so: Man spielt 2-5 Stunden intensiv eine Session, legt sich eine Taktik zurecht, will die anderen ausstechen, sie hinterlistig auf's Glatteis führen... Es gibt ein konkretes Ziel.

Ich will niemandem vorschreiben, welche Spiele er/sie mögen soll und welche nicht, aber wenn die Größen des Videospielmarktes nur noch schnöde App-Entwickler sein würden, dann würde mir echt was fehlen. Diese kleinen, leblosen Progrämmchen, die nur dazu dienen, die Leute auf der eigenen Seite zu halten, damit sie stets die Werbebanner immer im Blick haben, wenn sie ein Geschenk annehmen oder nebenbei eine Nachricht lesen.

Diese winzigen, seelenlosen Binärcodeversuche, die man für 1-2? kauft, und wo man entweder nur 2 Tage seinen Spaß oder schon nach 2 Minuten die Nase voll hat. Wenn ich mal meiner Mutter beim Zocken zugucke, steht da z.B. "30000000 Münzen" als ihr momentanes Barvermögen, und wenn ich sie frage, ob das viel ist, und was sie damit machen kann, sagt sie: "Nichts, das ist nur so!" - "Wie? Kann man sich da nicht mit anderen vergleichen? Kannst Du Dir davon nichts kaufen? Oder im Spiel neue Sachen freischalten?" - "Nein, das ist nur so!". Man sammelt also nur irgendwelche Punkte, die nicht mal in Highscoretabellen gespeichert werden.

Die ersten Versuche, sowas auch im traditionellen Videospielebereich salonfähig zu machen, gibt es ja schon in den Download-Shops der großen Konsolen und Handhelds. Da mir die Nintendoplattformen am besten geläufig sind, bleibe ich mal bei diesen, und wenn ich da mal schaue, was für WiiWare, DSiWare und 3DSWare so angeboten wird, also da kann ich nur den Kopf schütteln. Sicher, hin und wieder gibt es Ausnahmen, die sind einfach toll, aber es sind Ausnahmen, verdammt seltene Ausnahmen noch dazu. Der Großteil ist 08/15-Unfug, der nicht mal die Wartezeit für den Download wert ist. Außerdem sind diese glohrreichen Ausnahmen fast immer auch "klassische Videospiele" wie z.B. FAST oder MotoHeroz, die eben einfach nur als Download verfügbar sind.

DAS SIND DOCH NUR SPIELE?
Sollen Nintendo und die anderen Größen dieser Branche bei sowas mitmachen? Hauptsächlich belanglose Spiele ohne Belohnungen, ohne Befriedigung, vorangekommen zu sein, ein Stück besser geworden zu sein, ein paar Zehntel schneller geworden zu sein, entwickeln?

Wie bitte, das sind doch nur Spiele? Das sollte man nicht so ernst nehmen? Natürlich sind das nur Spiele, die bringen mich im wirklichen Leben kein Stück weit voran. Aber es ist ein Hobby, es macht mir Spaß, es vertreibt mir die Zeit, es versetzt mich für einige Zeit in eine andere Welt, verlangt von mir Aufmerksamkeit und Geschick...

Doch ich sehe noch ein anderes Problem: Es besteht doch keinerlei Grund, in den Bereich der Smartphone-App-Spiele einzudringen. Mit Videospielen lassen sich doch immer nur viele, viele Dollars verdienen. Und jeder Entwickler, der den wirklich passionierten Gamern und Gamerinnen den Rücken kehrt, wird das bereuen, denn diese werden auch in Zukunft ihre Vollwert-Spiele zocken, während die App-Casuals früher oder später davon die Nase voll davon haben werden. Wie bei jedem Trend, der kommt und geht.

Sicher, der Smartphone-Markt wird immer da sein, aber er wird wieder kleiner werden. Immer mal wird irgendwo jemand eine Stunde das Farmspiel spielen wollen und das tun, aber es langt, wie es im Moment ist. Mehr braucht man davon wirklich nicht. Diese Spiele sind darauf ausgelegt, relativ überschaubar zu sein, nie auf irgendeine Art komplex zu werden und nicht wirklich zu fordern - sie sollen einfach nur Zeit totschlagen, während man sich Werbebanner anschaut.

DAS IST GENUG CASUAL
Wie meint Ihr? Es genügt doch, wenn Nintendo nur 1-2 Studios abstellt, um im Smartphone-Markt mitzumischen? Ansonsten können sie ganz normal ihre Zeldas abliefern? Theoretisch ja, aber trotzdem: nein! Schon um diese 1-2 Studios wäre es mir persönlich zu schade. Man sieht es ja an den jüngsten Versuchen. Wii Sports, Wii Sports Resort, Wii Play, Wii Play Motion, Wii Party, Wii Music, Wii Fit... Das ist genug Casual. Selbiges gilt für Sony und Microsoft: Buzz!, Kinect Sports und so weiter - alles nur für den hohlen Zahn, keine Seele; es soll unterhalten, es soll den Kaufreflex anregen, weil es als neu, hipp und trendy in der Werbung gespriesen wird.

Kam bis jetzt auch nur EIN EINZIGES Spiel raus, wo Wiimote, Wiimote Plus, Kinect oder PlayStation Move WIRKLICH nötig gewesen wären? Wo diese Dinge zeigten, dass es nicht nur eine nette Idee ist, mal auf diese Weise zu spielen, sondern wo man merkt, wow, JETZT fängt die Videospiele-Zukunft wirklich an? Bei allen Spielen, die auf irgendeine dieser Technologien setzen kann man darauf verzichten, und das Spiel wäre keinen Deut schlechter, wenn man einen Button drücken würde, statt zu wackeln, hüpfen oder schwingen. OK, ja, bei z.B. Metroid Prime 3 kommt das Feeling ganz gut, aber es wäre auch ohne Gefuchtel gegangen. Und Spiele, wo das zumindest gut implentiert wurde, wie also z.B. Metroid Prime 3, kann man an zwei Händen abzählen. Allzu oft hampelt man wie blöde, aber der Charakter reagiert nicht, oder man schwingt auf und ab, aber der Charakter schwingt seitwärts, etc... Nervt!

Jetzt könnte man natürlich intervenieren und einwerfen: "Naja, aber was spricht denn dagegen, ein Final Fantasy oder Super Mario auf dem iPh__e zu zocken?" Im Grunde gar nichts; wenn es gut wäre. Aber das wäre es ja wohl kaum. Denn das Gros aller App-Game-Spieler/innen wollen gar nichts oder nur sehr wenig Geld für App-Games ausgeben. Stellt Euch mal ein nagelneu gepublishtes Super Mario für 5? vor. Das wäre entweder total genial, hätte aber nur 6 Level, oder es wäre in allem nur schnödes Mittelmaß und vermutlich auch noch nicht mal sonderlich schwer. Denn für 5? Verdienst gibt man nicht Unsummen in der Entwicklung aus. Die großen Hits wie Moorhuhn, Line Riders, Angry Birds und so weiter sind nämlich einfach nur aufgrund ihrer tollen Idee so beliebt, die Entwicklung selbst ist dagegen doch kaum von nennenswerten Kosten belastet gewesen. Aber wie viele geile Games kann man ständig erfinden, die es noch nicht gab und die auch wirklich einfach total genial sind? Nur wenige...

REAKTIONÄR?
Wäre es schlimm, solche Spiele trotzdem anzubieten, solange sie irgendjemandem Freude machen? Nein, aber es wäre einfach schade, dass irgendjemand so einen Prütt entwickelt, statt seine Energie in die richtig guten Super Marios zu stecken, die schon bei Erscheinen beinahe ein Klassiker sein könnten.

Bin ich reaktionär? Technikfeindlich? Nein. Ich bin Programmierer und ich liebe CDs und meinen MP3-Player, ich nutze Onlineauktionshäuser, gucke AVI-Files von der Festplatte am HD-Fernseher mit USB-Anschluss, schraube wahnsinnig gern an PCs rum und ohne eMails könnte ich auch nicht mehr... Aber ich habe etwas dagegen, das aus allem gleich ein Trend gemacht wird, nur, weil es neu ist.

Vieles ist verzichtbar, und da reihen sich die Smartphone-App- und Social-Network-Games direkt neben Kinect-Gespringe und Wiimote-Gefuchtel ein... Es ist ok, dass es diese Dinge gibt und es ist auch interessant, das mal auszuprobieren, aber so zu tun, als ginge es in Zukunft nicht mehr ohne, das ist einfach Blödsinn. Wer sowas spielen möchte, möge sowas spielen, und es gibt auch einige Ausnahmen, die gut sind, doch der Großteil ist mehr als entbehrlich, und noch mehr von diesen Spielen für den hohlen Zahn braucht es auch nicht, es langt, wenn man das Spielelogo ändert und die In-Game-Sprites austauscht - und schon hat man ein weiteres dieser Games... Oder fallen Euch bei all diesen App-Games so wahnsinnig viele Unterschiede auf?

TheUnknown *, 12.495 Zeichen •

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