Nintendo-Fans sind die besten Fans!

Kolumne vom 30.05.2012, 15:56

DIE ALLERBESTEN
Schaut Euch bitte kurz mal dieses Video von Reggie Fils-Aime an; er kündigt darin an, dass Nintendo eine Wii-U-Facebook-Page eingerichtet hat und dass man dort alle wichtigen Infos zur Wii U direkt von Nintendo bekommt.

Video-Quelllink: [LINK ZU WWW.YOUTUBE.COM]


Soweit eigentlich nichts besonders Tolles, aber interessant daran finde ich den allerersten und den allerletzten Satz. Reggie beginnt mit "Hey, Nintendo fans" und endet mit "And thanks for being THE best fans." (Danke dafür, dass Ihr die ALLERBESTEN Fans seid).

Das könnte ein dicker Hinweis auf die neue Marketingstrategie von Nintendo sein, die mit der Wii U gefahren werden soll: Die Core-Gamer wieder aktiver ansprechen - statt sie quasi öffentlich zu ignorieren, sie aber weiterhin mit Hits zu versorgen; wie während der Wii-Ära ja mehr oder weniger geschehen. Wie konnte es sonst sein, dass man uns Spiele wie Style-Boutique oder Wii Fit lang und breit erklärt - aber Mario Kart Wii ist gerade mal mit einem Trailer am Rande gewürdigt worden...?

Ist doch seltsam, dass man die letzten 6 Jahre einen Begriff wie "Fans" eher weniger benutzte und sogar fest darauf pochte, schon immer Spiele für die ganze Familie gemacht zu haben - was grundsätzlich stimmt, aber früher hatte man da nicht so einen Hallas veranstaltet. Im Gegenteil, Nintendo tat alles, um das Image der Familienfreundlichkeit, Vielseitigkeit und leichten Einsteigertauglichkeit hoch zu halten; sogar die Werbung war kalt, steril, steif...

Warum tat Nintendo das? Um die neue Strategie zu rechtfertigen, OHNE aber gleichzeitig zu sagen, dass eben die Core Gamer weniger direkt ansprechen will, damit die potenziellen Neukunden nicht abgeschreckt werden: "Nintendo ist nicht nur was für Freaks, die das Tageslicht scheuen und schlechte Noten in der Schule haben - sondern es macht Spaß, ist modern, alle spielen - also kann ich das jetzt auch!".

ALTER UND GESCHLECHTER
Begriffe wie Core Gamer und Casual Gamer wurden ab und zu benutzt und laufend bekamen wir Marktanalyen präsentiert, wie sehr Nintendo den Markt dominiert, wie alt die unterschiedlichen Kunden von Nintendo sind, welches Geschlecht sie haben, wieviele davon seit kurzem und zum ersten Mal überhaupt Videospiele spielen, wie der Markt sich verändert hat und verändern wird und so weiter und so fort, um weiter zu unterstreichen, wie sehr Nintendos Image und Strategie aufgeht (was es ja auch tat, keine Frage!) und sicherzustellen, dass alle verstehen, dass Nintendo sich um alle Menschen kümmert, die Nintendo-Spieler sein können: junge, alte, männliche, weibliche, erfahrene, unerfahrene, Freaks, Normalos... einfach alle, und nicht nur männliche Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren.

Wurden Sätze in der jüngeren Vergangenheit sehr oft so formuliert, dass Begriffe wie "Spieler", "Kunden", "Fans" und dergleichen geschickt umschifft wurden, um auch ja dem Image gerecht zu werden - man tat das nur, wenn es sinnvoll oder absolut nötig war, weil etwa kein anderer Begriff in die Bresche springen kann, bzw. man tat es, um sich geschickt zu positionieren, damit die Core Gamer sich nicht dauernd ignoriert fühlten.

So hörten wir also wieder und wieder und wieder und wieder Begriffe wie "die ganze Familie", "mit Freunden", "leicht zu verstehen", "alle können damit spielen", "Erfahrene und weniger Erfahrene können gemeinsam spielen". Sogar bei Titeln wie Metroid Prime 3, Metroid: Other M, Super Smash Bros. Brawl oder Zelda: Twilight Princess vermied man Floskeln wie "genau, was sich Fans wünschen" oder "klassischer Core-Titel", oder was auch immer sonst. Die Trailer liefen ab und es gab ein paar warme Worte zum Inhalt, aber über die eigentliche Zielgruppe schwieg man, obwohl sie doch klar war: Core Gamer oder typische Nintendo-Fans.

Zwar bemühte sich Nintendo mit Worten am Rande oft genug darum, dass die Hardcore-Nintendo-Fans sich nicht abwenden, und die tollen Spiele, die sie lieferten, waren oft ein großes Trostpflaster - aber nach außen hin blieb man der Linie treu, und so wurden auf Pressekonfefenzen Core Games nur kurz angerissen, aber Casual Games wurden breit und breiter getreten. Die Werbung bestand aus überglücklichen Partylöwen, die bei Wii Party den Spaß ihres Lebens hatten, aber Super Smash Bros. Brawl, Super Mario Galaxy 2 und andere Kaliber wurden dort nicht gezeigt - höchstens in Werbeanzeigen in den Printmedien.

Man mag jetzt sagen: "Ist doch egal, ob sie sagen, für wen ein Spiel gedacht ist, wenn es sowieso klar ist." Das ist so betrachtet korrekt, aber nicht zu Ende gedacht... Wenn Nintendo seit dem 3DS-Launch wieder massiv mit dem sonst üblichen Kommunikations-Verhalten bricht - man lässt das Gerede über Familie und so weiter unter den Tisch fallen und plötzlich nimmt man sogar Begriffe wie "Fans" offen in den Mund und bedankt sich sogar dafür, dass die Nintendo-Fans Nintendo-Fans sind -, also das lässt das doch tief blicken, oder?

HYPE-ZUG ABGEFAHREN
Und plötzlich habe ich den Eindruck, als wäre Nintendo das alles gar nicht mehr so wichtig. Denn jetzt, wo ich dieses Video kenne, ist mir aufgefallen, dass auch schon seit dem 3DS-Launch dieses ganze Gezeter um Märkte, Männer und Frauen, Junge und Alte, Cores und Casuals fast nicht mehr präsent ist.

Was heisst das also? Ich glaube, es heisst folgendes: Nintendo weiss ganz genau, dass der Wii-Hype-Zug abgefahren ist. Smartphones und Social Networks sind zudem starke Konkurrenten geworden, die dem Casual-Gamer-Markt massig Nintendo-Kunden streitig machen. Der Begriff "Nintendo Wii" stand lange Zeit für "alle können spielen" und öffnete Türen, sodass auch Oma und Mama mal spielen. Vielleicht kein Super Mario oder Zelda, weil ihnen das zu komplex (also abschreckend) sein könnte, aber vielleicht ja was hübsch einfaches wie Puzzlespiele, Denkspiele...

Jetzt sind also auch diese Menschen auf den Geschmack gekommen und lassen Videospiele in ihren Alltag einfließen. Aber sie stellen fest, dass sie einfach keine Hardcore-Gamer/innen sind, sie wollen nur ab und zu spielen und es soll nicht viel kosten - und überhaupt: warum 30-50? für ein Spiel ausgeben, dass nach 2 Wochen uninterssant geworden ist? Und außerdem ist das Stöbern im WiiWare- und DSiWare-Kanal zu umständlich und man weiss nie, was genau man da gerade tut, vor allem, weil jede Spielebeschreibung vor dem Download suggeriert, es würde sich um DAS Spiel des Jahrhunderts handeln, sich aber hinterher als maßlose Übertreibung rausstellt (O-Ton meine Mutter!).

Man will ja schon spielen, aber es soll dem Preis-Nutzungsverhältnis entsprechen. Das bekommt man bei Smartphones und Social Networks längerfristig besser geboten: denn da ist das Zocken sogar oft umsonst und mit kleinen Einblendungen, wenn man sowieso gerade surft, wird der Einstieg sehr leicht gemacht, ohne, dass man lange suchen muss - man muss nur draufklicken: "Es gibt ein neues Spiel auf unserer Seite - wollen Sie es mal ausprobieren?"

IMMER NOCH TADELLOS INTAKT
Und hier hat Nintendo offenbar Probleme, anzusetzen. Kann man ja die Benutzeroberfläche immer wieder umgestalten, bis sie perfekt ist, ist das mit dem Preis so eine Sache: Die Konsole kostet Geld und die Spiele auch. Im Gegenzug: Ein Smartphone und einen Computer hat heute eh praktisch jeder und Spiele dafür gibt's im Web wie Sand am Meer - und sogar kostenlos und von vorneherein unkompliziert! Ferner sehen viele heute nicht ein, ein so teures Gerät zu kaufen, dass nur eine Sache kann: Nur Videospiele abspielen. Die Leute wollen aber Filme gucken, Filme aufnehmen, DVD und Blu-rays gucken, Radio streamen, Video-Chatten, etc. - das kann die Wii U theoretisch alles, aber sie wird diese Funktionnen wohl nicht zur Verfügung stellen. Und so ein Gerät nimmt Platz im Wohnzimmer weg, neben all dem Kram, der eh so im Wohnzimmer schon herumsteht (Fernseher, DVD-Player, HD-Receiver, Stereo-Anlage, usw.) '- es spielt also auch die Ästhetik eine gewisse Rolle.

Die Leute haben außerdem schon eine Wii und werden gewiss nicht die Wii U auch noch kaufen; selbst, wenn sie nur 200? kosten würde. Die sehen nicht ein, warum ein damals teures und stets sehr gut gepflegtes und immer noch tadellos intaktes Gerät plötzlich veraltet sein soll. Man verschrottet ja auch nicht seinen Ford Fiesta, weil VW jetzt einen neuen Wagen vorstellt.

Nun ja, was heisst das also für uns Nintendo-Fans und -Gamer/innen? Wird Nintendo uns wieder aktiver ansprechen? Wird Nintendo uns auf der E3 wieder mehr Zeit opfern, statt in aller Ruhe 30 Minuten lang über Wii Fit zu philosophieren, aber Smash Bros. und Co. werden in aller Stille mit knappen Trailern ganz am Ende abgespeist? Und wenn ja, warum tun sie es? Weil ihnen nichts anderes übrig bleibt - wir sind ja die Einzigen, die noch da sind?

KEINE KINDERSPIELE MEHR?
Bekommen wir endlich mal wieder konkreten Inhalt zu dem, was uns erwartet, statt Diagramme, Marktanalysen und permanente Selbstbeweihräucherung? Dürfen wir uns wieder öffentlich "Fans" und "Gamer" nennen, statt dann gleich auch als "Kotaku" ohne echtes Leben zu gelten? Dürfen wir wieder sagen: "Wir mögen und spielen Nintendo!", ohne, dass wir uns anhören müssen, dass das eben keine Kinderspiele sind, oder dass die Wii/Wii U "eh nur eine doofe Hausfrauen-Konsole" ist?

Was meint Ihr? Ändert Nintendo die Strategie wieder? Bleibt sie gleich? Oder hat Euch das während der Wii-Ära sowieso nie gestört, Hauptsache, Ihr hattet Eure Zeldas, Metroids und Marios? Spinne ich mir da nur was zusammen und Nintendo benimmt sich wie eh und je? Oder wird die Wii U genauso einschlagen wie die Wii? Überinterpretiere ich Reggies plötzliche Aufnahme des Wortes "Fans" in sein Vokabular? Sind wir Nintendo-Fans außerdem wirklich die besten Fans, die es gibt? Und wenn ja, warum? Wir machen doch eigentlich nichts anderes, als die Spiele zu kaufen und sie zu spielen - das tun Besitzer/innen einer PlayStation oder X-Box genauso... Oder nicht? Ist man deshalb gleich ein Fan?

TheUnknown *, 10.028 Zeichen •

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