Sonic, der umstrittenste Igel der Welt

Kolumne vom 27.08.2018, 06:42

Alle kennen ihn, nicht ansatzweise alle lieben ihn. Segas rasantes Maskottchen hat am Anfang der Neunziger für viel Furore gesorgt und war, zu der Zeit, die einzige Videospielfigur, die Mario vom Thron des gesamten Mediums hätte stoßen können.

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Doch wo fing dieser Abstieg des stacheligen Säugetiers denn an? Wenn man es genau nimmt, war bereits 1994 mit der Veröffentlichung von Sonic 3 auf dem Mega Drive ein Abwärtstrend abzusehen, wie man an den etwa zwei Millionen verkauften Einheiten erkennen kann. Durchaus keine schlechten Zahlen, aber im direkten Kontrast zu Sonic 1 mit vier Millionen und Sonic 2 mit sechs Millionen Modulen, die über den Theken flogen, wirkt es doch schon ein wenig ernüchternd. Dennoch war das nur eine kleine Sorge seitens Service Games, im direkten Kontrast zu allem, was in den folgenden Jahren mit ihnen passierte: ihre Mega-Drive-Addons sowie das Sega Saturn verkauften sich deutlich unter ihren Erwartungen, was letztlich auch dazu führte, das es für das Letztere dieser Systeme kein wirkliches Sonic Jump 'n' Run veröffentlicht wurde, während der große Rivale bereits im Juni 1996 einen Titel auf den Markt brachte, der von vielen heiß erwartet wurde und bis heute als wegweisend für alle 3D Platformer gilt. Einige Zeit und eine abgebrochene Entwicklung von Sonic X-treme später, verabschiedeten sie sich letztlich vom Saturn und deklarierten den Dreamcast als die Zukunft; mit dazu einen Titel namens "Sonic Adventure", der auch den irren Igel endlich den wohlverdienten, angemessenen Sprung in die dritte Dimension spendieren sollte.

Es spielt keine Rolle, wie man zu diesem Werk stand, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dies ein großer Wendepunkt für die bisher fast schon makellose Karriere des Protagonisten war, der seine Fans sichtlich gespalten hat. Von den ästhetischen Modifikationen an Charakter- und Weltdesigns mal abgesehen, wurde ein, für die Reihe, neuer Spielstil etabliert, welcher nicht von jedem Fan dankend angenommen wurde und bis heute kann man den Namen "Sonic Adventure" nicht aussprechen, ohne eine Debatte, oder im Internet eher Schlammschlacht zu entfachen, in der darüber gestritten wird, mit was für einem qualitativen Kaliber von Software wir es hier eigentlich zu tun haben. Dasselbe lässt sich auch über die darauf folgenden Titel Sonic Adventure 2 und Sonic Heroes behaupten, die alle unter denselben Problemen leiden: steife Animationen, durchwachsene Texte, eine unfreiwillig lustige Synchronisation und eine Menge Glitches, die diese Werke allesamt zumindest auf eine nicht intendierte Art und Weise unterhaltsam machen, ganz egal, wie gut oder schlecht sie nun sein mögen.

Am Ende des Jahres 2005 beging Sonic Team dann jedoch einen Fehler, für den sie sich bis heute Spott und Häme anhören müssen. Sie gingen auf die Wünsche so mancher jungen Fans ein und gaben einem Charakter, in diesem Fall Shadow the Hedgehog, in dem gleichnamigen Spiel eine realistische Schusswaffe, mit der er sich durch ein düsteres Setting kämpft. Dieses Machewerk lässt sich am besten mit dem englischen Wort "Edgy" zusammenfassen und aufgrund von solchen Aspekten, wie den leichten Fluchworten, einem durchwachsenen Gameplay und einer miserablen Geschichte ist es bis heute als einer der ganz großen Tiefpunkte des gesamten Franchises gebrandmarkt. Ganz nebenbei hat es einen gewissen Umstand für viele Leute nur umso verständlicher gemacht: Sonics Existenz, sowie die all seiner Freunde wurde von Anfang an so entworfen, dass sie die coole Alternative zu Mario darstellen sollten, doch leider erkannte Sega nicht, dass "cool" ein Begriff ist, welcher stets an einen gewissen Zeitgeist gebunden und deshalb vergänglich ist, sowohl für einen selbst, als auch für die breite Masse. Für genau diese Mentalität steht auch Shadow, der auf ein kleines Kind sicherlich "cool" wirken mag, aber für jedes Individuum über 13 Jahren als nicht mehr als peinlich wahrgenommen wird und genau deswegen oft als eine Allegorie des bereits erwähnten Wortes "Edgy" genutzt wird. Der einzige Grund, warum sein Ableger nicht ganz so häufig ins Visier gerät, wie er vielleicht sollte, folgte ein Jahr später.

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Sonic the Hedgehog, oder heute eher als Sonic 06 bekannt, gehört ohne jeden Zweifel zu einem der schlechtesten Videospiele, die jemals von einem anerkannten Entwicklerstudio veröffentlicht wurden. Jedem dürften die Mängel dieser Software mittlerweile bekannt sein, weswegen ich gar nicht weiter darauf eingehen möchte. Ohne jeglichen Zweifel ist dies der absolute Tiefpunkt, welchen Segas Maskottchen jemals verbuchen musste und es wurden eine Menge Kalender weggeworfen, bis man das Vertrauen vieler Konsumenten wieder für sich gewinnen konnte.

Etwa zwei Jahre vergingen und man veröffentlichte Sonic Unleashed, was definitiv ein Schritt in die richtige Richtung und für seine moderne Iteration wegweisend war, aber durch die Einführung des "Wehrigels", der sich bei Nacht durch langatmige sowie repetitive Prügellevel kämpft, erneut die Fans spaltete. Erst 2010 markierte dann den Zeitpunkt, der den ersten beliebten Titel auf einer Heimkonsole seit den Neunzigern bereithalten würde: das Wii exklusive Sonic Colors. Nachdem nur einen Monat zuvor die Fans Sonic 4 in der Luft zerrissen hatten, weil es eine andere Physik als die Mega Drive Teile und einen verhältnismäßig schlechten Soundtrack hatte, kam Colors des Weges, um den Leuten zu beweisen, dass das zuvor etablierte Boost-Gameplay ein eigenes Spiel tragen kann, ohne sich auf viele Gimmicks zu verlassen. Dieser Mentalität schloss sich einen Erdumlauf später auch Sonic Generations an, welches sich durch seine Zusammenführung von 2- und 3D wie eine Zelebrierung des gesamten Franchise anfühlt, ganz egal, wie steinig der Weg bis hierhin auch gewesen sein mag. Leider war dies dann aber auch bereits der Höhepunkt, den der irre Igel in der dritten Dimension jemals erleben durfte.

Zu Zeiten der Wii U gab es zwei Titel, auf die man sich freuen durfte: Sonic Lost World und Sonic Boom. Während das erstere einen großen Fokus auf Parkour-Mechaniken legte und aufgrund der Abweichung der bereits etablierten Formel eher gemischt aufgenommen wurde, war Sonic Boom in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe, die dem berühmt berüchtigten Ableger von 2006 nur in wenig nachsteht. Natürlich ist dies primär den suboptimalen Entwicklungsbedingungen zuzuschreiben, jedoch macht diese Gewissheit das Gesamtprodukt kein bisschen besser.

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Erneut war Sonics Ruf ganz unten angekommen und ich bin mir ziemlich sicher, dass Sega derzeit in mächtigen Problemen stecken würde, wenn sie sich nicht an einige begabte sowie prominente Entwickler in der Fan-Community gewandt hätten, um sie an Sonic Mania arbeiten zu lassen, welches, mit weitem Abstand, sich als ihr beliebtestes Spiel seit der Jahrtausendwende herausgestellt hat. Alle jubelten sie, vergaben 10/10-Bewertungen und behaupteten, dass er endlich zurück sei - doch dann kam Sonic Forces, welches nur etwa drei Stunden lang war, drei Gameplayvarianten bot, aber keine wirklich ausschöpfte und sich letztlich nach "gar nichts" anfühlte. Bereits hier machte es den Anschein, dass die gesamte Euphorie um Mania wieder verflolgen sei. Mit Generations hatte man eine optimale Vorlage konzipiert, wie ein Ableger dieser Reihe in 3D aussehen sollte, doch mit Worlds wichen sie direkt von dieser ab, nur um dann mit Forces, nach einer Entwicklungszeit von vier Jahren, wieder auf eine verschlechterte Version zurückzugreifen. Was genau hinter den Kulissen schiefgelaufen ist, wissen wir noch nicht, aber ich hoffe, dass wir es schon sehr bald in Erfahrung bringen können.

Was ich mit dieser fast schon historisch anmutenden Chronologie ausdrücken wollte, ist, dass die Qualität der Werke aus dem Sonic Franchise wie eine Achterbahn agiert und man selbst bei vielversprechenden Titeln nicht weiß, was einem am Ende erwartet. Ein einziger Fehltritt reicht aus, um die Euphorie vieler, selbst vertrauter Anhänger komplett zunichtezumachen. Dabei habe ich extra alle Teile, die primär für Handhelds entworfen wurden, ausgelassen, da das eine ganz andere Ebene eröffnen würde, die jedoch ganz ähnlich aussieht, mit ein paar mehr "guten" Titeln, die zwischendrin verstreut sind. Letztlich lässt sich zumindest festhalten, dass die enormen Spaltungen unter den Fans, welche sich grob in "2D-Ära" "Dreamcast-Ära" und "Moderne-Ära" einteilen lassen, nicht von ungefähr kommen, sondern stets durch Sonic Teams mangelndes Verständnis der Reihe resultieren.

Nicht umsonst behaupten viele Menschen, dass Sonic nicht mehr als ein Relikt der Neunziger sei, welches ohne all die schönen Kindheitserinnerungen schon längst denselben Weg wie Bubsy gegangen wäre und ich persönlich muss zugeben, dass an dieser Aussage vielleicht etwas dran ist. Wirft man einen kurzen Blick auf seine beliebtesten Spiele des letzten Jahrzehnts, also Colors, Generations und Mania, wird man schnell bemerken, dass zwei von den dreien einen enormen Fokus auf die Wiederverwendung von alten Konzepten, Musikstücken und Levels legen. Mania wurde sogar explizit so entworfen, dass es nur minimal besser aussehen sollte, als das, was der Mega Drive auf den Bildschirm werfen konnte. Auch bei dem ehemaligen Rivalen spielt Nostalgie sicherlich eine Rolle seines Erfolges, aber er kann, wie beispielsweise Odyssey bewiesen hat, auch auf eigenen Beinen stehen, ohne alle paar Minuten ein altes Level zu recyclen. Es ist nett, gelegentlich mal seinen Werdegang zu feiern, aber wenn die gesamte Existenz daraus besteht, auf alte Erfolge zu verweisen und daran zu erinnern, wie schön es doch damals war, dann sollte man sich doch überlegen, ob man überhaupt eine Zukunft hat, denn dieser Trick wird nicht ewig funktionieren. Auch wenn Mania durchaus ein gutes Spiel ist, vergessen viele Leute, dass es sich zu enormen Teilen an alten Ideen bedient und in vielerlei Hinsicht Fanservice ist. Ob ein Nachfolger zu Mania mit komplett originellen Levels so gut aufgenommen werden würde, wie der erste Teil, ist noch abzusehen. Festzuhalten ist zumindest, dass viele Leute ohne dieses Spiel vielleicht ihr Vertrauen in die Marke verloren hätten, ganz egal, ob die positive Stimmung Mania gegenüber nun hauptsächlich der Nostalgie geschuldet ist oder nicht.

Ich für meinen Teil bin gespannt, wie es für den umstrittenen Igel weitergeht. Wird man sich komplett auf die Hilfe der Fans verlassen und nur noch Spiele in der Richtung von Mania entwerfen oder werden sie erneut einen Schritt in die dritten Dimension wagen, nachdem Forces bestenfalls gemischt aufgenommen wurde?

Was prognostiziert ihr für die Sonics Zukunft? Wovon würdet ihr gerne mehr oder vielleicht sogar weniger sehen? Als was für einen Fan seht ihr euch, wenn überhaupt?

Lunk *, 10.829 Zeichen •

Als was für einen Fan seht ihr euch? (Mehrere Antworten möglich)

83,33%2D-Ära-Fan
33,33%Dreamcast-Ära-Fan
50,00%Moderne-Ära-Fan
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Kommentare

Rolf Belmont *
Rolf Belmont
Registriert:
24.07.2018, 10:36:34
Kommentar #1 vom 27.08.2018, 16:12:55 Uhr
Tatsächlich musste ich alle Antworten angeben, da ich aus jeder Ära immer noch meine Freude ziehen konnte. Dabei habe ich natürlich selektiert und meistens erst die Meinung anderer berücksichtigt, sodass mir solche Grütze wie Sonic '06 gar nicht erst im Laufwerk landete. Somit ist das einzig wirklich schlechte Sonic-Game, dass ich bisher gespielt habe, Sonic Forces. Das hatte für mich den Anschein als hätten die Entwickler ab der Hälfte gemerkt, ihr Spiel machte Spaß und mussten diesen restlos aus dem fertigen Produkt entfernen.

Es stimmt allerdings, dass man Sonic höchstens nur eine klaren Linie zuschreiben kann: "Schaut mal, was ich damals alles cooles gemacht habe!"

Um kurz meine Sicht der Handheld-Ableger anzureißen. Die Sonic Advance Trilogie für den GBA wurde leider auch mit jedem Teil immer schlechter. Dafür war Sonic Battle ein sehr solides Fighting Game, mit dem ich viel Zeit verbracht habe.
TheUnknown *
TheUnknown
Registriert:
08.05.2010, 09:25:43
Kommentar #2 vom 28.08.2018, 11:25:38 Uhr
Ja, ich find die alten Sonics im Schnitt auch besser, wobei da auch sicher etwas Nostalgie mit reinspielt. Dennoch fand ich Lost World oder auch Colours sehr gut und habe die sehr gern gespielt.
Tarik
Tarik
Registriert:
08.02.2011, 04:37:16
Kommentar #3 vom 28.08.2018, 15:38:27 Uhr
Sehr gute Kolumne. Ich habe damals unglaublich viel Zeit (und unglaublich ... wirklich UNGLAUBLICH viele Batterien) für Sonic auf dem Game Gear aufgewendet und habe es geliebt.
3D-Sonics waren immer schwierig. In vielen gefielen mir nur bestimmte Passagen, andere waren komplett mies.
Offenbar kann man dieses Franchise mit allem was es ausmacht eben nicht so gut in die dritte Dimensionen transportieren wie den Rohre kriechenden Konkurrenten.

Ich gehöre übrigens zu denen, die sich sehr über ein Mania 2 mit neuen Levels freuen würden.

Edit: Am liebsten sogar ein "Super Sonic Maker". :D
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